Venture Capitalists investieren endlich in die Logistik

Im Jahr 2016 investierten Risikokapitalgeber mehr als 4 Milliarden US-Dollar in über 245 Start-up-Unternehmen im Bereich Logistik*. Diese Zahl erscheint im Vergleich zu anderen Brachen zwar relativ niedrig, allerdings hat sich der Gesamtbetrag in nur vier Jahren verzehnfacht (gegenüber 420 Millionen US-Dollar im Jahr 2013). Zwar liegen noch keine abschließenden Zahlen zu den Investitionen in Logisitik-Start-up-Unternehmen für 2017 vor, die Indikatoren deuten jedoch auf einen anhaltenden Zuwachs hin. Beispielhaft für diese Entwicklung ist Fetchr. Das in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässige Logtech-Start-up wurde mit 41 Millionen US-Dollar finanziert und belegte damit 2017 Rang 3 der größten Technologieinvestitionen im Nahen Osten**.


Digitale Innovatoren hatten die Logistik bisher nicht auf dem Schirm

Im Vergleich zu vielen anderen Branchen wie Finanzen und Kommunikation wurde die Logistikbranche in den ersten Runden der aktuellen digitalen Revolution weitgehend vernachlässigt. Innovationen kamen vor allem von bestehenden Marktakteuren, Logistikunternehmen sowie den Logistikabteilungen von Unternehmen, wobei der Schwerpunkt auf schrittweisen Verbesserungen lag. Obwohl dies zu Fortschritten in der Logistikeffizienz und beim Kundenservices beitrug, blieb die Branche weitgehend analog.

Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, die Ursachen für diese Verzögerung auszumachen; vermutlich war es jedoch eine Kombination verschiedener Faktoren:

  • Der Markt für Logistikdienstleistungen ist sehr fragmentiert. Zwar gibt es einige wenige globale Akteure wie DHL, UPS und FedEx, doch der Markt umfasst zudem Zehntausende kleine bis mittlere Unternehmen bis hin zu Fuhrunternehmen mit nur einem Fahrer.
  • Die Lieferketten weisen ein Maß an Komplexität auf, das nicht direkt steuerbar ist und intern fokussierte Funktionen oft nicht betrifft; daher stellt die Optimierung der Logistik und Lieferketten eine echte Herausforderung dar.
  • Außerdem erscheint die Logistik ganz einfach weniger attraktiv, da Anbieter von Logistikdienstleistungen nur äußerst selten zweistellige Margen erzielen.

Was sind LogTechs?

LogTech-Start-ups sind Unternehmen, die auf Innovationen im Bereich der zugrunde liegenden Logistiktechnologie spezialisiert sind. Der gemeinsame Nenner von LogTech-Start-ups und Unternehmen ist daher das Ziel, Logistikprozesse durch die Anwendung neuer Technologien zu verändern. Dies umfasst ein weites Feld, von Management-Systemen bis hin zum Einsatz von Robotern und kollaborativen Robotern (Cobots) in der Logistik.


Disruptive Innovationen erreichen endlich den Logistikmarkt

Zum Glück scheinen diese Hindernisse inzwischen weniger relevant für Innovatoren und die Finanzierung zahlreicher Start-up-Unternehmen durch Risikokapitalgeber zu sein. Anlässlich des Blue-Rocket-Kongresses im November 2017 stellten sich beeindruckende 24 Start-up-Unternehmen vor allem aus dem deutschsprachigen Raum vor.

Sie machten deutlich, wie vielseitig Innovationen im Bereich der Logistik inzwischen sind: von digitalen und betriebsmittellosen Transportanbietern und neuen Ansätzen zur Abwicklung der letzten Meile im KEP-Geschäft bis hin zu Robotern, die auf die Ausführung logistischer Aufgaben spezialisiert sind, sowie intelligenten Tracking-Systemen für multifunktionale Transportboxen.

Natürlich werden sich nicht alle diese Neuheiten und Start-ups über ihre jetzige Phase hinaus behaupten können, es muss jedoch anerkannt werden, dass endlich auch die Logistik in den Fokus des Interesses rückt. Dies wird zur Folge haben, und hat in gewisser Weise bereits zur Folge, dass disruptive Innovationen auf den Markt drängen, die die Geschäftsmodelle bestehender Marktteilnehmer in Frage stellen.


Analoge Logistik ist in einem Umfeld schneller Veränderungen nicht mehr überlebensfähig

Lange Zeit konnten viele Teilnehmer des Logistikmarktes Dienstleistungen anbieten, ohne über Innovation nachzudenken oder Innovation zu fördern. Das beste Beispiel sind die zahlreichen Transportunternehmen, die noch immer mit „instinktiven“, manuellen Distributionsprozessen und fast vollständig manuellen Angebotsprozessen arbeiten. Ihr Alleinstellungsmerkmal wird jedoch direkt von digitalen Transportunternehmen in Frage gestellt, die ohne Betriebsmittel tätig sind und Algorithmen verwenden, um die Nachfrage auf ihren Plattformen automatisch mit dem zur Verfügung stehenden Angebot an Transportkapazitäten abzustimmen. Der Preisansatz ist kein manueller Prozess mehr – was während der traditionellen Angebotsphase oft einiges an Rätselraten zur Folge hat – sondern vollständig digitalisiert und wird oft durch künstliche Intelligenz unterstützt.

Gründer und Venture Capitalists haben endlich realisiert, dass die Logistik nicht mit der Digitalisierung Schritt gehalten hat und in vielen Bereichen noch immer zurückliegt. Daher gibt es gute Nachrichten für alle Unternehmen, die ihre Lieferkette als Wegbereiter in einer digitalisierten Welt ansehen: Weitere disruptive Innovationen sowie das für deren Entwicklung nötige Kapital drängen in die Logistik und schaffen die Grundlage für die digitalisierten Lieferketten der Zukunft.


*Quelle: https://qz.com/956544/venture-capitalists-have-found-another-multi-trillion-dollar-market-to-upend-shipping/

**Quelle: https://www.menabytes.com/biggest-tech-investments-2017/

VC = Venture Capitalist

written by
Franz Winter
Franz Winter ist Senior Berater für Logistik bei CAMELOT Management Consultants. Er ist vor allem im Bereich der Digitalisierung von Geschäftsmodellen für Kunden aus der Chemie- und Pharmaindustrie tätig. Zu seinem Fachgebiet zählen insbesondere Supply Chain Prozesse und Distributionsnetze.

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