Lieferketten während eines drohenden Handelskrieges: Ist KI- gestütztes Reshoring die Lösung?

In der vergangenen Woche dominierten Ängste und Spekulationen über einen möglicherweise bevorstehenden Handelskrieg zwischen den USA und China die Schlagzeilen der Welt:

  • „Ein Handelskrieg ‚stellt die größte Bedrohung für die Weltwirtschaft dar‘“ (CNBC, USA )
  • „Die Konsequenzen eines Handelskrieges zwischen den USA und China würde die größten globalen Unternehmen treffen“ (Asia Times, Hong Kong)
  • „Der Handelskrieg ist eine Spirale der Eskalation“ (Wirtschaftswoche, Deutschland)

Der Umfang der neuen Zölle, wirtschaftlichen Beschränkungen und anderer möglicher Strafmaßnahmen ist gegenwärtig noch unklar ist. Offensichtlich ist allerdings, dass ein solcher Handelskrieg die große Mehrheit der Länder und Unternehmen hart treffen wird. Der Druck zu reagieren wächst für Marktteilnehmer mit stark internationalisierten Lieferketten und Märkten rasant.

Abgesehen von den zu erwartenden politischen Auswirkungen besteht eine der wichtigsten Aufgaben für Führungskräfte und Regierungsvertreter daher darin, die möglichen Auswirkungen auf ihr Unternehmen beziehungsweise ihr Land abzuschätzen und mögliche Lösungen zu identifizieren.

Gleichzeitig schreitet die Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI) rasch voran und mit ihr die Fähigkeiten von Maschinen. Lieferketten werden somit absehbar in wesentlich geringerem Ausmaß als in der Vergangenheit auf die Verfügbarkeit von Humanressourcen angewiesen sein.

Könnte diese sich gerade entwickelnde politische und wirtschaftliche Situation in Verbindung mit den laufenden Fortschritten im Bereich der KI und des Machine Learning zum Glück im Unglück entwickeln? Wird es zu einer weltweiten Welle von Reshoring-Initiativen kommen, die die Lieferketten nachhaltig verändert?

Offshoring hat die Internationalisierung von Lieferketten maßgeblich gefördert

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte haben sich Lieferketten von Grund auf neu erfunden. Gründe für diese Entwicklung waren sowohl die Erschließung von neuen und Schwellenmärkten, wie auch der Zugang zu einer großen Anzahl von billigen Arbeitskräften und die kontinuierliche Verringerung von Transportkosten. Enorme Produktionskapazitäten wurden in Länder verlagert, die einen Kostenvorteil gegenüber reiferen Märkten boten – was natürlich in erster Linie wesentlich niedrigeren Lohnkosten zuzuschreiben war. Viele Branchen, die stark von (petro-)chemischen Rohmaterialien abhängen, nutzten diese Entwicklung, um ihre Kostenbasis drastisch zu senken. Zwar sind Hersteller von Textilien, Elektronik und Spielzeug, deren Produktionsverfahren zu einem großen Teil aus manuellen Routineaufgaben bestehen, die prominentesten Beispiele, aber unzählige andere Branchen und ihre Hersteller folgten. Produktionskapazitäten befinden sich heute oft nicht mehr in der Nähe der Kernmärkte, sondern wurden im Rahmen sich geografisch ausdehnender Lieferketten verschoben.

Es schien, als würden nur Hersteller in Prozessindustrien mit Produkten von niedrigem Wert, aber mit großen Produktionsmengen und einem hohen Grad an Automatisierung mit ihren Werken in der Nähe der tatsächlichen Märkte bleiben (z.B. Waschpulver und Windeln). Insgesamt sorgte Offshoring dafür, dass die Welt in einem Umfang zusammenrückte, wie es vor einigen Jahrzehnten kaum vorstellbar gewesen wäre. Damit stieg auch die Komplexität der Lieferketten stark an.

Ist KI der „Joker“ für entwickelte Märkte?   

Neueste Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz und dem Machine Learning ermöglichen die Automatisierung einer wachsenden Anzahl von arbeitsintensiven Tätigkeiten., Viele dieser Aufgaben konnten traditionell nur von Menschen durchgeführt werden. Diese Entwicklung leitet ein Umdenken bei der Entscheidungsfindung in Bezug auf Produktionsstätten ein. Stark anpassungsfähige und selbstlernende Maschinen werden in den kommenden Jahren voraussichtlich so gut wie alle arbeitsintensiven Tätigkeiten im Bereich der Massenproduktion von Textilprodukten wie Schuhen übernehmen können. Das würde die Zahl der benötigten Arbeitskräfte und damit auch den impliziten Vorteil von Niedriglohnländern drastisch reduzieren. Eine solche Entwicklung wird Schwellenländern einem ihrer wichtigsten Vorteile in internationalen Verhandlungen zum Abbau von Handelsbeschränkungen aber auch in Handelskonflikten nehmen.

Dennoch sind Ängste in Bezug auf neue Zölle oder ein echter Handelskrieg nur einer der zu berücksichtigenden Faktoren. Gleichzeitig müssen Hersteller auch Megatrends wie die weiter voranschreitende Individualisierung der Kundenwünsche und die kürzer werdenden Lebenszyklen von Produkten beachten. Diese Kombination bedeutet für Unternehmen, dass die Lage ihrer Produktionsstätten und der Aufbau ihrer Lieferketten sowie ihre Flexibilität den Mittelpunkt ihrer bevorstehenden Herausforderungen bilden.

Die wichtigsten Pull-Faktoren für Initiativen im Off- und Reshoring

Das Reshoring von stark automatisierten Produktionsstätten in die Nähe der wichtigen Märkte kann eine Maßnahme sein, um den politischen und geschäftlichen Anforderungen in absehbarer Zukunft gerecht zu werden. Der Einsatz von KI wird jedoch gleichzeitig die Logistikkosten weiter senken, während die Binnennachfrage in Schwellenländern wie China weiterwächst. Das Zusammenspiel dieser beiden gegenläufigen Entwicklungen wird die Definition der passenden Supply-Chain-Struktur weiter erschweren.

Insgesamt wird ein von KI gestütztes Reshoring besonders für Hersteller, die von dem drohenden Handelskrieg und dessen Auswirkungen direkt betroffen sind, zunehmend an Bedeutung gewinnen. Unternehmen, die ihren Konkurrenten einen Schritt voraus bleiben wollen, werden mehr denn je über die Notwendigkeit nachdenken müssen, die geographische Verteilung ihrer Produktionsstätten anzupassen und eine flexible Lieferkette aufzubauen, die die technischen Neuerungen und die sich entwickelnden Bedürfnisse bestmöglich nutzt und gleichzeitig die politischen Rahmenbedingungen berücksichtigt. Im Gegensatz zu vorherigen Veränderungen wie dem Offshoring in den 1990er-Jahren gibt es heute kein klares Muster, dem Führungskräfte blind folgen können. Die Rolle der Supply Chain Managerkann in diesem Kontext wesentlich dazu beitragen, die Flexibilität, Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit von Lieferketten zu erhöhen.


Weiterführende Informationen:  https://www.linkedin.com/pulse/supply-chain-management-how-ai-impact-make-or-buy-decisions-getto/

https://www.supplychaindive.com/news/influencers-roundtable-offshoring-nearshoring-disruption-supply-chain/508493/

http://www.scdigest.com/ontarget/18-02-19-1.php?cid=13739

https://www.inc.com/leigh-buchanan/how-american-manufacturers-are-reshoring.html

 

written by
Franz Winter
Franz Winter ist Senior Berater für Logistik bei CAMELOT Management Consultants. Er ist vor allem im Bereich der Digitalisierung von Geschäftsmodellen für Kunden aus der Chemie- und Pharmaindustrie tätig. Zu seinem Fachgebiet zählen insbesondere Supply Chain Prozesse und Distributionsnetze.

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